Mit neurologischen Erkrankungen leben

Parkinson, Epilepsie, Polyneuropathie, Demenz und andere neurologische Krankheiten belasten den Alltag Betroffener und ihrer Angehörigen. Bewegungseinschränkungen, chronische Schmerzen und psychische Erschöpfung prägen viele Krankheitsbilder im Bereich Neurologie. Medikamente oder Operationen spielen bei der Therapie eine wichtige Rolle. Zusätzlich kann aber auch ein Aufenthalt in einer der Kur- und Reha-Einrichtungen Mecklenburg-Vorpommerns zur Linderung der Beschwerden durch neurologische Erkrankungen beitragen. Neben dem natürlichen Erholungseffekt reizvoller Seen- und Küstenlandschaften, können individuelle Behandlungskonzepte der Wald-, Klima- oder Thalassotherapie die Gesundheit fördern und das körperliche Wohlbefinden sowie die Psyche stärken. Darüber hinaus wird am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e. V. (DZNE) am Standort Rostock/Greifswald unter anderem zu Demenz-Erkrankungen intensiv geforscht.

Nur Vergesslichkeit, oder etwa nicht?

Jeder Zweite der in der Angst-Studie 2017 Befragten gab an, sich davor zu fürchten, im Alter ein Pflegefall zu werden. Viele denken dabei an neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer Demenz. Prof. Dr. Stefan Teipel, Professor für klinisch-experimentelle Psychiatrie, leitet seit 2008 den Bereich Demenzforschung an der Psychiatrischen Klinik der Universitätsmedizin Rostock. Er gibt Auskunft zu Demenzerkrankungen, zu Diagnoseverfahren und Möglichkeiten der Früherkennung sowie präventiven Ansätzen und Behandlung.

Wie hoch ist das Risiko tatsächlich, an Demenz zu erkranken?

Prof. Dr. Teipel: Ging man noch vor wenigen Jahren davon aus, dass sich die Zahl der Demenzerkrankungen bis 2050 in Deutschland verdreifachen könnte, so sehen jüngste Studien „nur“ noch eine Verdopplung. Aktuell nimmt die Zahl der Demenzpatienten weiter zu, allerdings weniger stark, als bisher befürchtet. Das Risiko in einem bestimmten Alter eine Demenz zu bekommen, ist in den letzten Jahren wahrscheinlich leicht zurückgegangen. Aufgrund der hohen Alterung der Bevölkerung wird es dennoch zu einer starken Zunahme der Demenzfälle kommen. Vermutete - wissenschaftlich nicht beweisbare - Gründe hierfür könnten unter anderem die bessere Gesundheitsvorsorge und -versorgung sowie eine gesündere Lebensweise sein. Fakt ist aber: Etwa 75 % der Demenzerkrankungen sind durch genetische Risikofaktoren beeinflusst, ganz selten vollständig erblich bedingt. Wer alt genug wird, erkrankt also mit hoher Wahrscheinlichkeit an Demenz.

Gibt es für Demenzerkrankungen präventive Möglichkeiten?

Prof. Dr. Teipel: Ja, wenn auch nur in beschränktem Rahmen. Wie gesagt, sind meistens Gene die Treiber für die Alzheimer Demenz. Daten einer kürzlich veröffentlichten Studie legen jedoch nahe, dass sich etwa ein Viertel der Demenzfälle mit bewusster Lebensweise vermeiden oder wenigstens verzögern ließe. Viele kleine Bausteine summieren sich hier. Dazu gehört die rechtzeitige Behandlung von hohem Blutdruck, von Hörschäden, Sehschwäche und schlechtem Zahnstatus. Außerdem nicht rauchen, Alkohol in Maßen genießen, sich gesund und abwechslungsreich ernähren. Ein weiteres wichtiges Puzzleteil ist Bewegung, hier insbesondere Ausdauersportarten und Tanzen - als Verbindung von Ausdauer mit Koordination. Ebenfalls bedeutsam: eine sozial integrierte Lebensweise, auch in höheren Lebensjahren. Vereinsamung allein löst Demenz zwar nicht aus, kann aber mit dazu beitragen. Wichtig ist bei älteren Menschen mit diversen Erkrankungen außerdem die regelmäßige Bereinigung des Medikamentenplanes durch den Hausarzt. Hier sehe ich weiteres Potenzial, weil falsche Einnahme sowie Wechselwirkungen von Medikamenten Demenz fördern können.

Hin und wieder vergisst jeder mal etwas. Wann braucht man Hilfe?

Prof. Dr. Teipel: Da ein von Alzheimer Demenz Betroffener sich meist selbst nicht eingesteht, was los ist, sind die Angehörigen besonders gefordert. Geht es um eine Vergesslichkeit, die jedem mal passiert - oder wird immer wieder das Gleiche vergessen? Finden sich Gegenstände an Orten wieder, wo sie nicht hingehören? Fällt es schwer, alltäglich genutzte Geräte wie die Kaffeemaschine korrekt zu bedienen? Oder geben vertraute Gegenstände in der Handhabung Rätsel auf, beispielsweise Schlüssel oder die Fernbedienung? Dann sollte man sich um eine Diagnose bemühen. Leider leben geschätzt 50 Prozent der tatsächlich an Demenz Erkrankten ohne Diagnose. Das bedeutet: keine Medikamente, keine Behandlung, keine Unterstützung. Deshalb ist eine Diagnose sowohl für den Patienten wie auch für Angehörige in der Regel von Vorteil. Schlechte Verläufe ließen sich verhindern, Auswirkungen hinauszögern oder mildern. Das zweite Pflegestärkungsgesetz (PSG II) bringt gerade Angehörigen von Demenzpatienten sehr viele Verbesserungen für den Alltag.

Wie und zu welchem Zeitpunkt lässt sich eine Demenzerkrankung feststellen?

Prof. Dr. Teipel: Wir sind inzwischen mittels biologischer Marker und bildgebender Verfahren wie MRT und PET in der Lage, das Vorliegen einer Alzheimerpathologie lange vor Ausbrechen zu erkennen. Allerdings bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass später tatsächlich eine Alzheimer Demenz ausbricht. Deshalb findet diese Frühdiagnostik noch keine Anwendung als Routineuntersuchung, sondern bleibt der Forschung im Rahmen von Studien vorbehalten. Eine Alzheimer Krankheit kann in der Routineversorgung mittels biologischer Marker und Gedächtnistest erkannt werden, wenn erste Gedächtnisstörungen bestehen, noch ehe sich das Vollbild einer Demenz entwickelt hat. Eine Möglichkeit ist auch die Gedächtnissprechstunde, insbesondere für sehr frühe oder für unklare Fälle. Nach Überweisung von Haus- oder Facharzt führen wir eine Frühdiagnostik durch, die aus Anamnese, Arztgespräch, körperlicher Untersuchung und verschiedenen neuropsychologischen Tests besteht. Etwa ein Drittel der Patienten unserer Gedächtnissprechstunde bleibt dann ohne auffälligen Befund. Erhärtet sich aber der Verdacht auf eine Gedächtniserkrankung, schließen sich individuell weitere Untersuchungen an, möglichst ambulant. Ergänzend betreuen und beraten Sozialarbeiter in der Rostocker Gedächtnissprechstunde auch Angehörige intensiv.

Welche Hoffnung gibt es nach der Diagnose „Demenzerkrankung“?

Prof. Dr. Teipel: Wie andere chronische Krankheiten zählt Demenz zu den nicht heilbaren Erkrankungen. Es lassen sich aber häufig die Folgen abmildern. Außerdem: Je älter der Patient bei Diagnosestellung, umso gutartiger der Verlauf. Bei einem bei der Diagnose 80-Jährigen mit Mehrfacherkrankungen schreitet die Alzheimer Demenz also meist langsam voran. Wer bei Diagnose jünger, beispielsweise unter 50 Jahre alt ist, hat wahrscheinlich mehr genetische Risikofaktoren - mit zumeist schwerwiegenderem Verlauf und schnellerem Voranschreiten. Gerade für die Patientengruppe ohne Mehrfacherkrankungen laufen Studien mit dem Ziel, eine Impfung zu entwickeln. Ansonsten stehen uns zur Behandlung Medikamente zur Verfügung, die das Voranschreiten der Krankheitssymptome in frühen Stadien gut abbremsen.

Sie forschen zur Verbesserung von Frühdiagnostik und Behandlung von Demenzerkrankungen. Gibt es dabei Kooperationen?

Prof. Dr. Teipel: Wir arbeiten eng mit der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, Landesverband MV, und dem Kompetenzzentrum Demenz bei landesweiten Angehörigenschulungen und niederschwelligen Betreuungsangeboten für Menschen mit Demenz zusammen. Als Kooperationspartner des Fördervereins GERIO e.V. und des Tessinums unterstützen wir uns gegenseitig bei der Beurteilung und Versorgung/ Weiterversorgung von Patienten in den ambulanten Strukturen und stehen zur Verfügung, um Projekte wissenschaftlich zu begleiten. Das Hauptaugenmerk liegt momentan auf der Optimierung der akut- und rehabilitativen Versorgung geriatrischer Patienten durch Vernetzung von Angeboten zur geriatrischen Versorgung in der Region Rostock.