Statt Diät und Jo-Jo-Effekt – wie kann Übergewicht dauerhaft gesenkt werden?

Schneller und unkomplizierter Gewichtsverlust - damit locken immer wieder diverse Zeitschriften ihre Leser. Oftmals funktionieren die Tipps leider nur mittelmäßig und sorgen eher für Frust als Erfolge. Welche Schritte sind aber für eine dauerhafte Gewichtsabnahme sinnvoll?

 

Gesine Roß, Leiterin der Geschäftsstelle der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) Sektion MV, erklärt im Interview wie Übergewicht auch auf lange Sicht gesenkt werden kann. 

1. Heute setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass herkömmliche Diäten nicht wirklich effektiv sind. Können Sie uns erklären, warum?

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das überall angekommen ist. Denn gerade im Frühjahr erreichen uns immer wieder Anfragen zu diesem Thema, besonders wenn wieder neue Diäten auf dem Markt erscheinen. Dann müssen wir die Verbraucher doch enttäuschen, schließlich basieren letztendlich all diese Ideen auf dem gleichen Prinzip: Hier geht es um eine kurzfristige Gewichtsabnahme, die schwer ist, lange durchzuhalten und der Jojo-Effekt lässt nicht lange auf sich warten. 

Abnehmen ist nicht einfach. Und hat neben der Energieaufnahme und dem Energieverbrauch auch etwas mit einer Verhaltensänderung zu tun. Diese Verhaltensänderung muss langfristig umsetzbar sein, ohne dass es zu einem Nährstoffmangel oder Essstörungen kommt. Hierfür sind geschulte bzw. zertifizierte Ernährungsberater vor Ort die besten Ansprechpartner.

 

2. Neben dem fehlenden Effekt gibt es auch Diäten, die medizinisch anzuzweifeln sind, bspw. die Dukan-Diät oder die Low-Carb-Diät. Können Sie uns sagen, welche gesundheitlichen Nachteile möglicherweise aus solchen Diäten erwachsen?

Ich finde es schwierig, so allgemein zu erklären, welche Nährstoffe genau fehlen. Dadurch, dass die verschiedenen Diäten unterschiedliche Ansätze haben, variiert das natürlich entsprechend. Bei der Low-Carb-Diät, die aktuell sehr im Trend liegt, sind es zum Beispiel die Kohlenhydrate, die dann fehlen. Für eine ausgewogene Ernährung brauchen wir auch Kohlenhydrate. 

Es lässt sich aber zusammenfassen, dass bei langanhaltenden Diäten einfach bestimmte Nährstoffe im Körper fehlen. Je länger diese Diät durchgeführt wird, desto höher ist dann der Nährstoffdefizit. Grundsätzlich ist es wichtig, sich von der ganzen Bandbreite der Nährstoffe zu ernähren, um Mangelerscheinungen zu vermeiden. Wichtig sind auch Ballaststoffe, hier sollten wir etwa 30 g pro Tag zu uns nehmen - die gehen gerade bei diesen Diäten häufig unter. Neben dem Nährstoffmangel finde ich aber einen weiteren Aspekt bei Diäten sehr schwierig: Wenn der Fokus zu stark auf die Ernährung gelegt wird, kann schnell ein gestörtes Essverhalten entstehen. Hier muss man unbedingt darauf achten, dass Essen auch weiterhin Spaß macht. Diese psychologische Komponente sollte bei der Thematik nicht unterschätzt werden.

 

3. Wie wichtig ist es, auf unseren Bauch zu hören? Und: woher soll unser Bauch wissen, was gut für unseren Körper ist? Hat man dann nicht immer Lust auf Schokolade oder Chips?

Es gibt unterschiedliche Formen des Bauchgefühls. Das Bauchgefühl, das Sie vermutlich meinen, ist eher so etwas wie eine liebgewonnene Gewohnheit, wie z. B. das Stück Schokolade nach dem Essen. Das gehört zu den erlernten Bauchgefühlen und ist ernährungsphysiologisch irrelevant. Wir brauchen es nicht und können gut darauf verzichten, ohne dass der Körper beeinträchtigt wird.

Es gibt allerdings auch ein anderes Bauchgefühl – z. B. Bauchgrummeln, Blähungen oder gar Durchfall, das uns ganz deutlich zeigt, wie gut bzw. schlecht wir eine Speise vertragen haben. Oft führen Ernährungsfehler, wie z. B. zu große Mengen von einem Lebensmittel oder zu hastiges Essen, zu diesen Symptomen. 

Leidet jemand häufiger unter Bauchschmerzen, Blähungen etc. würde ich immer einen Arzt und qualifizierten Ernährungsberater empfehlen, um die Ursachen gut abzuklären.

 

4. Warum ist Abnehmen eigentlich so schwer?

Der Anfang ist oftmals kein Problem, diese Veränderung jedoch langfristig durchzuhalten, fällt den meisten sehr schwer. Schließlich geht es um Verhaltensänderungen, die erst geübt werden müssen und oft mit Rückfällen verbunden sind. Es ist deswegen sehr wichtig, sich realistische Ziele zu stecken, die eher kleinschrittig sind. Ansonsten ist man frustriert und gibt zu schnell auf.

 

5. Wie lässt sich der gefürchtete Jojo-Effekt vermeiden?

Im Grunde ist der Jojo-Effekt das Zurückfallen in alte Gewohnheiten, wenn die neuen Verhaltensweisen nicht umsetzbar sind. Da kann es hilfreich sein, sich zu beobachten und sich bewusst zu machen, dass neue Verhaltensweisen geübt und trainiert werden müssen. Jetzt bloß nicht den Kopf in den Sand stecken und aufgeben, sondern überlegen, wieso es nicht geklappt hat. Und vor allem neue Ziele setzen, die leichter zu erreichen sind. Das macht Mut und führt langfristig auch zum Ziel.

Wer hierbei nicht mehr weiter weiß, kann sich Hilfe von Ernährungsberatern holen. Die meisten zertifizierten Berater bieten sowohl individuelle Ernährungsberatung als auch Ernährungsberatung in der Gruppe an. 

Die zertifizierten Ernährungsberater sind entsprechend ausgebildet und werden von den Krankenkassen bezuschusst. Eine Liste mit zertifizierten Ernährungsberatern aus Mecklenburg-Vorpommern finden sie bei den Krankenkassen oder auf der Homepage der DGE-Sektion MV.

Natürlich gibt es mittlerweile auch viele Apps, die beim Abnehmen unterstützen sollen. Hier muss man allerdings kritisch hinterfragen wie sinnvoll die einzelnen Anwendungen sind.

 

6. Können Sie unseren Lesern 3 Tipps geben, um effektiv abzunehmen?

"Seien Sie ein Gourmet!" ist mein erster Tipp. Essen Sie bewusst und entwickeln Sie diesbezüglich ruhig auch höhere Ansprüche. Beispielsweise schmeckt die Speise nach frischen, selbst zubereiteten Lebensmitteln oder einfach nur fettig oder salzig?

Mein zweiter Tipp: Essen Sie nur dann, wenn Sie wirklich Hunger haben. Denn oft ist es nur der Appetit, der einen zum nächsten Essen greifen lässt. Und mein dritter Tipp: Lassen Sie sich beim Abnehmen professionell begleiten und zwar durch zertifizierte Ernährungsberater.

 

Vielen Dank an Gesine Roß für diese Informationen und das offene Gespräch!