Hand in Hand mit der Schulmedizin – Naturheilkunde fördert Selbstheilungskräfte

Die Naturheilkunde nutzt die natürlichen Selbstheilungskräfte des Menschen, d. h. sie unterstützt die Heilung oder Beschwerdelinderung und die Übernahme von Selbstverantwortung durch den Patienten aktiv. Naturheilverfahren sind insbesondere bei der Vorbeugung und bei der Behandlung chronischer Krankheiten sinnvoll. Bei akuten und schweren lebensbedrohlichen Krankheiten können sie eine Ergänzung des Therapiekonzepts darstellen.

Die Naturheilkunde nutzt die natürlichen Selbstheilungskräfte des Menschen, d. h. sie unterstützt die Heilung oder Beschwerdelinderung und die Übernahme von Selbstverantwortung durch den Patienten aktiv. Naturheilverfahren sind insbesondere bei der Vorbeugung und bei der Behandlung chronischer Krankheiten sinnvoll. Bei akuten und schweren lebensbedrohlichen Krankheiten können sie eine Ergänzung des Therapiekonzepts darstellen.

Die Naturheilkunde integriert Körper, Geist, Seele und Umfeld in ihre diagnostischen und therapeutischen Methoden. Jeder Patient wird in seiner Einzigartigkeit wahrgenommen und behandelt. Wir haben mit Prof. Dr. med. Karin Kraft von der Universitätsmedizin Rostock gesprochen und uns einen Überblick darüber geben lassen, was Naturheilkunde vermag.

Die „Welt“ schrieb vor kurzem, dass sich immer mehr Menschen eine sanfte, naturheilkundliche Therapie neben der klassischen Medizin wünschen. Inwieweit können Sie das bestätigen?

Meiner Erfahrung nach suchen die Menschen vermehrt nach Möglichkeiten, die körpereigenen Gesundungsmöglichkeiten unter Anleitung eines Experten zu aktivieren und besser zu nutzen. Ich glaube, das interpretiert die „Welt“ wahrscheinlich als Suche nach einer Alternative. Die Suchenden haben auch sehr konkrete Vorstellungen: Sie denken, dass in Kombination mit naturheilkundlicher Therapie die Maßnahmen der klassischen Medizin besser anschlagen, dass Medikamente besser vertragen werden und die Betroffenen schneller genesen. Mit dieser Vorstellung liegen sie auch durchaus richtig.

Können Sie uns einen Überblick geben über die Verfahren und Methoden der Naturheilkunde?

Es gibt einen sehr umfangreichen Katalog an naturheilkundlichen und komplementärmedizinischen Methoden, der weltweit angewendet wird. Für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehört die Naturheilkunde zur Traditionellen Medizin, sie ist die Europäische Traditionelle Medizin. Die Traditionellen Medizinrichtungen aus außereuropäischen Ländern werden in Europa unter dem Begriff Komplementärmedizin zusammengefasst. Die Naturheilkunde befasst sich – kurz gesagt – mit den Naturheilverfahren und deren Wirkprinzipien. Sie nutzt Therapieverfahren und Heilmittel aus der Natur, die nebenwirkungsarm sind, die Gesundheit fördern und zur Linderung von Krankheiten beitragen. Sie erfordern in der Regel die aktive Mitarbeit des Patienten.

Eingesetzt werden: Hydrotherapie (Wasserheilkunde), Bewegungstherapie, Phytotherapie (Pflanzenheilkunde), Ordnungstherapie (neuerdings auch Mind Body Medicine genannt) und Ernährungstherapie. Das sind die fünf Säulen der klassischen Naturheilkunde.

Zur Naturheilkunde gehören aber auch die sogenannten ausleitenden Verfahren. Ein Beispiel dafür ist die Anwendung von Blutegeln bei Beschwerden des Bewegungsapparates, also zur Schmerztherapie bei Arthrosen des Kniegelenks oder kleineren Gelenken. Die Wirkung der Blutegel ist sehr komplex und noch nicht vollumfänglich erforscht. Aber sie sondern während des Saugvorgangs entzündungshemmende und durchblutungsfördernde Substanzen ab, was in der Kombination schmerzlindernd wirkt.

Was sind Behandlungsschwerpunkte in der naturheilkundlichen Ambulanz in der Universitätsmedizin Rostock?

Gelenkbeschwerden und Schmerzen sind zwei unserer Schwerpunkte. Häufig kommen auch Patienten mit Verdauungsbeschwerden oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie z. B. Fructose- oder Histaminintoleranz. Hier kommt die Ernährungstherapie zum Einsatz, oft ist aber auch erst eine Vermittlung zur entsprechenden Diagnostik erforderlich.

Ich habe im Rahmen der Ambulanz nur wenige technische Möglichkeiten. Es ist nachvollziehbar, dass ich im Arztzimmer keine Bewegungstherapie durchführen kann. Daher wende ich vorwiegend Phyto-, Ernährungs- und Ordnungstherapie sowie ausleitende Verfahren an.

Unser Körper erbringt tagtäglich Höchstleistungen: pumpt rund 9.100 Liter Blut, ersetzt Millionen Zellen etc. Wie kann ich ihm behilflich sein/ihn unterstützen?

Es ist tatsächlich so, dass der Mensch zu 60 Prozent selbst dazu beitragen kann, um gesund ein hohes Alter zu erreichen. Zu 30 Prozent sind genetische Voraussetzungen beteiligt, die Medizin kann bisher nur 10 Prozent beitragen. Das bedeutet, dass die Lebensführung entscheidend ist. Da sind wir uns mit der Schulmedizin einig.

Die Risikofaktoren sind hinlänglich bekannt – Rauchen, Alkohol, zu viel und zu fettes Essen, zu viel Zucker, zu wenig Bewegung – und sollten gemieden werden. Dazu sollte der Mensch sich passend ernähren und auf einen vernünftigen Tag/Nacht-Rhythmus achten. Eigentlich ist es ganz einfach.

Hat der moderne Mensch es verlernt, sich an diese einfachen Regeln zu halten?

In gewisser Weise ja, aber das ist nicht nur ein modernes Problem. Solche Phasen hat es in der Vergangenheit immer wieder gegeben. In der heutigen westlich geprägten Welt haben wir zusätzlich das Problem, dass wir stark von außen gesteuert sind und deshalb zum Teil nicht auf unsere innere Stimme hören.

Ein Achtsamkeits-Training kann da helfen. Es gibt speziell ausgebildete Trainer, die festgelegte Module mit den Teilnehmern absolvieren. Beispielsweise gibt es ein Genusstraining. Hier wird dann zum Beispiel ein Stück Schokolade nicht einfach schnell, schnell heruntergeschlungen, sondern es wird sich Zeit genommen: Wie sieht das Stück aus? Wie riecht es? Etc.

Man kann aber auch selbst seinem Körper und den eigenen Bewegungen nachspüren. Gerade wenn etwas weh tut, sollte man einmal genau in sich hineinhören: Was tut denn da weh? Welche Bewegung kann ich ausführen? Auch im Alltag kann das viel nützen, wenn man sich bewusst macht: Was macht mein Bauch gerade? Wie geht es meinem Kopf?

Wie viel Auszeit braucht der moderne Mensch?

Das lässt sich so pauschal natürlich nicht beantworten. Wichtiger als eine Zeitangabe ist die Qualität der Auszeit. Alles was der Mensch als entlastend empfindet, kann als Auszeit gelten, sei es auf dem Balkon liegen, spazieren gehen, kochen oder Gartenarbeit. Der Mensch muss sich dabei wohlfühlen.

Selbstoptimierung ist heutzutage ein großes Stichwort. Da werden Schritte gezählt, Kilometer und Bestzeiten gemessen. Wie viel Sport ist gesund?

Auch dafür gibt es natürlich ein „zu Viel“. Mäßigkeit ist grundsätzlich eines der wichtigsten gesundheitsfördernden Prinzipien. Beim Sport spielen aber auch andere Faktoren eine Rolle: Lebensalter und Erkrankungen bestimmen mit, welche Sportart die Richtige ist und wie viel Sport sinnvoll ist.

Es heißt andererseits auch „Sitzen ist das neue Rauchen“. Zu wenig Bewegung ist eines unserer größten Gesundheitsprobleme. Es muss nicht zwangsläufig Sport getrieben werden, ein abwechslungsreiches Bewegungsmuster im Alltag ist noch wichtiger. Wer sich regelmäßig in Garten, Haushalt und bei der Arbeit bewegt, tut sich damit viel Gutes. Viele Kleinigkeiten addieren sich so zu einem sinnvollen Ausgleich. Dann spielt auch die Ausrede „Dafür hab ich doch gar keine Zeit“ keine Rolle mehr.

Es gibt mittlerweile mehr als 7.000 Smart-Phone-Apps zum Thema Gesundheit (Schrittzähler, Kalorienzähler usw.) Was halten Sie von solchen Apps?

Ich nutze keine dieser Apps und empfehle sie auch nicht. Das Problem mit diesen Apps ist, dass sie zumeist von Menschen entwickelt werden, die nicht wissenschaftlich orientiert arbeiten, damit sind die Apps kaum wissenschaftlich abgesichert. Die Nutzer sind keine Mediziner, und können mit den gesammelten Daten oft nichts anfangen. Es fehlt die wissenschaftliche, fachliche individualisierte Bewertung, die eine App nicht leisten kann.

Zudem sind die Vorgaben und Empfehlungen, die diese Apps machen, kritisch zu sehen, da sie nicht auf individuelle Besonderheiten eingehen können, sie berücksichtigen oft nicht einmal das Alter des Nutzers. Eine gute Therapie muss aber immer individuell sein.

Zum Abschluss: Was können Sie, was die Schulmedizin nicht kann?

Das kann man so nicht sagen, denn die Naturheilkunde ist ein Teil der Schulmedizin. Sie befasst sich nur besonders intensiv mit den Fähigkeiten des Menschen zur Selbstheilung. Zwar hat sich in den letzten Jahren hinsichtlich Akzeptanz viel getan, aber mein Wunsch für die Zukunft ist, dass die Naturheilkunde in Deutschland als vollwertige medizinische Fachrichtung anerkannt wird – mit allen Rechten und Pflichten. Dann können sich die Patienten auch darauf verlassen, dass sie stets eine qualitativ gut abgesicherte Behandlung erhalten. Die Naturheilkunde könnte, wie das in vielen anderen Ländern längst der Fall ist, öffentliche Forschungsmittel einwerben und das Fach zum Nutzen der Patienten zügig weiterentwickeln. Ja, das wäre mein großer Wunsch.