"Für gesunde Kinder was Vernünftiges zu essen" im Gespräch mit Sarah Wiener

Sie gehört zu den erfolgreichsten Fernsehköchinnen des deutschsprachigen Raums. Mit ihrer Stiftung engagiert sie sich seit mehr als 10 Jahren „für gesunde Kinder und was Vernünftiges zu essen“. Tim Mälzer nennt sie, nach eigenen Aussagen, eine „wandelnde Biotonne“. Wir führten mit Sarah Wiener ein interessantes Interview in der Ostseeklinik Zingst zu gesunder Ernährung.

Was ist Ihr Lieblingsessen?

Ich habe kein Lieblingsessen. Ich verstehe nicht recht, wie Leute bei dieser riesigen Auswahl von hunderten köstlichen Essen ein Lieblingsessen wählen können.

Sie vertreten den Standpunkt, dass industriell hergestellte Lebensmittel „tote Lebensmittel“ sind. Wie meinen Sie das?

Ich rede von schwerstverarbeiteten industriellen Nahrungsmitteln. Zum einen ist diese Nahrung immer pasteurisiert, meist sterilisiert. Hitze zerstört, genauso wie große Kälte. Da lebt kein krankmachender Keim, aber eben auch keine gesunden Enzyme und Bakterien. Es gibt über 400 Zusatzstoffe, tausende von chemischen Enzymzusätzen, Farbstoffen, Konservierungsstoffen, die z. B. Brote wochenlang essbar macht, dunkelfärbt, um die Assoziation gesund zu erwecken, die soviel Luft einschließen, dass das Volumen bis auf ein vielfaches ansteigt oder einen Hartmacher, der die Kruste knackig hält, einen Weichmacher, der das Innere fluffig hält und Antischimmelpilzmittel fürs Haltbarkeitsdatum und die Plastiktüte. Dabei wollen wir einfach nur gut und gesund essen. Wir wissen, dass künstliche Vitamine überdosiert werden können, Multivitaminpräparate sogar schädlich sind. Wir wissen, dass bestimmte Wirkstoffe in der Pflanze, z. B. sekundäre Pflanzenstoffe krebsverhindernd sein können und dass, wenn wir diesen einen Stoff rauslösen und künstlich zuführen, dieser überhaupt keinen oder sogar einen negativen Effekt hat. Wir können die Natur kopieren, es wird immer nur eine schlechte Kopie vom wahrhaftigen sein.

Allein so etwas wie ein Apfel ist komplex und enthält hunderte von verschiedenen Nährstoffen, Mineralstoffen, Sekundäre Pflanzenstoffe, Vitamine und Enzyme, von denen wir nicht mal die Wirkungsweise kennen.

Etwas platt formuliert: Im Labor wenige Stoffe künstlich nachzubauen und Nahrungsmitteln zuzuführen ist wie die Feststellung, dass tote Materie durch hohe Vitamingaben nicht mehr zum Leben erweckt werden und ihre ursprünglichen Aufgaben übernehmen. Ich meine, wir sollten aufpassen, mit unserer Natur, mit dem Lebendigen so zu spielen und zu denken, wir hätten eine einfache Lösung für einen sehr komplexen Mechanismus.

Da gibt es ja zurzeit auch viele Ernährungstrends, die in eine ähnliche Richtung gehen, „Clean Eating“ zum Beispiel. Was halten Sie von solchen Ernährungstrends und Diäten?

Ich halte von „Labeling“ null. Das ist der falsche Weg. Wir sollten uns einfach ganz natürlich und mit viel Hausverstand mit unseren Lebensmitteln verbinden, ohne auf Labels zu schauen oder abstrusen Ernährungsvorschriften zu folgen, die einfach sinnlos sind. Wir sind die einzigen Tiere, die Ernährungswissenschaftler brauchen, um unsere Essensängste im Zaum zu halten. Lasst uns einfach alle, wo immer es geht, natürlich essen, ohne Chemie und Zusatzstoffe.

Ihre Stiftung hatte letztes Jahr 10-jähriges Jubiläum. Was hat Sie damals dazu bewegt, sie zu gründen?

Das ist ganz einfach. In immer weniger Familien wird gekocht und deswegen lernen immer weniger Kinder natürliche Lebensmittel kennen und was man damit machen kann. Damit geht die Vielfalt der Kochkunst verloren und auch die Kontrolle über den eigenen Geschmack und die Eigenkontrolle über den Körper. Kochen ist die erste zivilisatorische Grundleistung des Menschen, die auch Identität stiftet und Kultur ist. Deswegen halte ich es für wichtig, dass jedes Kind kochen lernt, auch wenn es natürlich nicht auf Sterneniveau ist.

Es ist leider so, dass die Nahrungsmittelindustrie nicht unsere Gesundheit, unser Glück, unsere Vielfalt, unser Klima, unsere Böden und unser Grundwasser im Fokus hat, sondern allein ihre Gewinnmaximierung. Niemand steht protestierend auf der Straße, weil jetzt schon 6-jährige Altersdiabetes haben oder Darmerkrankungen, Hauterkrankungen. Das sind alles Folgen von unserer zivilisatorischen Ernährung. Gerade Pestizide haben eine enorme Auswirkung auf die Gesundheit im Boden und in unserem Körper. Sie, sind neurotoxisch, gerade bei kleinen Kindern. Sie begünstigen Autismus, ADHS und Allergien, Unfruchtbarkeit - und wir nehmen das einfach als gegeben hin.

Kinder lieben Süßigkeiten. Ist das aus Ihrer Sicht mit einer gesunden Ernährung vereinbar?

Naja, Weißmehl und Industriezucker ist sicher nicht gesund. Ich halte trotzdem nichts von generellen Verboten. Man muss sich aber klarmachen, dass diese Art von Ernährung, diese hochkalorischen, süßen, schwerstverarbeiteten Kindernahrungsmittel, gerade bei Kindern sehr viel mehr Zucker, Fett und Aromastoffe enthalten als Lebensmittel für Erwachsene. Genauso wie zuckerhaltige Limonaden: anstatt, dass man seinem Kind Kräutertee oder pures Wasser gibt, kauft man Wasser mit viel Chemie, viel Industriezucker, viel Zitronensäure und vielen Aromastoffen. Ich liebe auch Süßes. Aber auch Kinder kann man anders mit Süßem befriedigen. Mit getrockneten Früchten, oder mit Honig, oder ab und zu mit einem selbstgebackenen Stück Kuchen.

Sie haben ja die Initiative „Ich kann kochen!“ zusammen mit der Barmer Krankenkasse ins Leben gerufen. An wen richtet sich die Initiative?

Wir bilden Pädagogen, LehrerInnen und KindergärtnerInnen weiter, damit sie mit ihren Kindergruppen kochen können. Also jeder, der eine Kindergruppe um sich hat, kann sich von uns kostenlos weiterbilden lassen. Unsere Kernkompetenz und der Fokus liegt bei Kindern von 3 bis 10 Jahren. Je früher man mit kochen anfängt, desto grösser ist der Erfolg.

Was macht man, wenn man jetzt nicht die Zeit oder das Geld hat, immer selber zu kochen?

Die Verhinderung von Krankheiten ist mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen. Das merkt man meist erst an sich selbst, wenn es zu spät ist. Kein Geld zum Selbstkochen zu haben, ist eine Milchmädchenrechnung, weil die Folgekosten für einen selber, für die Gesundheit, für die Umwelt, für meine Kinder und die Enkelkinder nicht zu bezahlen sind. Das heißt, billige Nahrungsmittel sind so teuer, dass wir uns die eigentlich nicht leisten dürften als Gesellschaft. Der Preis für unsere Erde ist einfach zu hoch.

Man kann relativ bis sehr günstig selber kochen mit Grundnahrungsmitteln, wenn man ein bisschen Fantasie hat und auch nicht immer nur die Edelstücke von bestimmten Tieren kauft.

Vielen Dank Sarah Wiener für das interessante Gespräch!